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Editorial: 175 Jahre Gesellschaft der Ärzte in Wien, Gesellschaft der Ärzte

175 Jahre Gesellschaft der Ärzte in Wien

175 Jahre Gesellschaft der Ärzte bedeutet eine genauso lange Zeit freier wissenschaftlicher Diskussion und ärztlicher Fortbildung. Anfänglich traf sich eine kleine Gruppe von Ärzten, entgegen dem restriktiven Zeitgeist der Vormärzperiode, in Privatwohnungen zum medizinischen Gedankenaustausch. Daraus konstituierte sich am 22. Dezember 1837 der bis heute existierende – nur während der politischen Wirren zwischen 1938 und 1945 bewusst sistierte – Verein [1].

Die Errichtung des Billrothhauses im Jahr 1893 führte die Gesellschaft zu ihrer Hochblüte, wiederum war eine der Überlegungen, freies wissenschaftliches Denken zu fördern. So war es damals Brauch, dass die Vortragenden ihre Fallvorstellungen unter Anwesenheit der Patienten, als Zeugen, präsentierten. Dass die ersten medizinisch indizierten Röntgenaufnahmen am 17. Jänner 1896, also bereits Tage vor W. C. Röntgens eigenem Vortrag über seine Entdeckung in Würzburg, im Billrothhaus vorgestellt wurden, unterstreicht die bedeutende Rolle der damaligen II. Wiener Medizinischen Schule [2]. Zu dieser Zeit beeinflussten Ärzte auch bewusst gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen. So beschreibt Eric Kandel in seinem neuen Buch „Das Zeitalter der Erkenntnis“, wie sich der Anatom Emil Zuckerkandl vom Künstler Gustav Klimt in den Seziersaal begleiten ließ. Im Wien der Jahrhundertwende gab es regen Austausch zwischen Künstlern, Wissenschaftlern, Ärzten, Journalisten und anderen Gruppen [3]. Seit einigen Jahren öffnet sich die Gesellschaft der Ärzte wieder der Welt der Kunst durch Musik- oder Filmabende und durch die Einladung namhafter Nichtmediziner als Vortragende.

Offene Diskussionen und Öffnung einer interdisziplinären medizinischen Gesellschaft wie dieser bedeutet heute, Kooperationen mit verschiedenen Fächern, Standesvertretungen und anderen Gruppierungen einzugehen unter Nutzung der jeweils modernsten Medien. Seit fünfzehn Jahren haben die Bibliothekare Harald Kritz und Christian Müller mit etwa 2000 Vortragsvideos, News und How-to-Medcasts die umfangreichste multimediale medizinische Sammlung dazu aufgebaut. Mit www.billrothhaus.tv wird sie nun auch den Ansprüchen der Nutzer mobiler elektronischer Endgeräte gerecht. Dieses mediale Angebot wird kontinuierlich erweitert und ist eine Fortführung des seit 1837 in den damaligen Statuten festgeschriebenen Auftrags zur Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse. So hat unsere Gesellschaft 1888 die „Wiener Klinischen Wochenschrift“ gegründet und ist als ihr Herausgeber seit 125 Jahren aktiv.

Auch heute ist die Gesellschaft bemüht, ihre Infrastruktur für Wissensmanagement in den Dienst einer patientenzentrierten Medizin zu stellen. Aus einem anfänglichen Lesekabinett ist später im Billrothhaus die heute größte medizinische Privatbibliothek Europas entstanden. Sie bietet zahlreichen Ärztinnen und Ärzten außerhalb der Universitäten den einzigen kostengünstigen unabhängigen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur. Dass dieses Angebot angenommen wird, zeigt die steigende Mitgliederzahl, die sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat.

Mit dem EU-Projekt KHRESMOI betreibt die Gesellschaft auch selbst aktiv Forschung auf dem Gebiet des kreativen Wissensmanagements (Knowledge Helper for Medical and Other Information Users; von griech. chresmoi, d. h. Orakel). Ziel ist der Aufbau einer mehrsprachigen, multimodalen Suchmaschine für medizinische Laien und Ärzte. Das Projekt hat eine Laufzeit von vier Jahren und ein Gesamtbudget von zehneinhalb Millionen Euro. Aus Wien sind neben der Gesellschaft der Ärzte das CIR-Lab der Univ.-Klinik für Radiodiagnostik und die Information Retrieval Facility (IRF) vertreten. Das Beherrschen von „big data“ soll damit auch in der Medizin Eingang finden und aus unseren bisherigen Untersuchungen können wir ableiten: Die Entwicklung derartiger Instrumente ist enorm aufwändig, aber eine Bibliothek wird in den nächsten Jahren damit konfrontiert sein, dass durch mobile Endgeräte die Desktop-PCs ablöst werden, dass automatische selbstlernende Analyseprogramme die ärztliche Tätigkeit – vor allem die Intuition – zunehmend unterstützen werden und dass das computergestützte Lernen bzw. Entscheiden im Team an Bedeutung gewinnen wird.

Für eine offene Diskussion unverzichtbar ist das Streben, einem Qualitätsanspruch und den Regeln professionellem ärztlichen Handelns gerecht zu werden. Heute betrifft dies zwei große Herausforderungen: die differenzierte Betrachtung kommerzieller Interessen und den Schutz der Privatsphäre. Hildegunde Piza hat dies mit ihrem kritischen Beitrag über die ethischen Grenzen der plastischen Chirurgie angesprochen und für die Medizin neue Medienformate genutzt. Wolfgang Graninger hat mit seinem Vortrag „Praktische Anwendung von Antibiotika“, der als Video etwa 53000 Mal angesehen wurde, gezeigt, dass unabhängige Fortbildung breit angenommen wird. Ein anderer Vortrag von ihm im Billrothhaus mit über 600 Teilnehmern war auch der erste, an dem mehr Zuhörer über das Internet als vor Ort zu verzeichnen waren. Dieses neue Verständnis, wie Kommunikation zwischen Ärztinnen und Ärzten, anderen Gesundheitsberufen und multimedial vorinformierten Patienten funktionieren soll, ist die reale Antwort der Gesellschaft der Ärzte in einer Zeit der „Googleisation“ des Wissens.

Franz Kainberger
Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien

Literatur

1. Tragl, Karl-Heinz. Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien seit 1838. Böhlau-Verlag, Wien 2011
2. Lesky, Erna. Meilensteine der Wiener Medizin. Verlag Wilhelm Maudrich, Wien 1981
3. Kandel, Eric. Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis
heute. Siedler Verlag, München 2012

 

Feiern Sie mit!

Mittwoch, 19.12.2012, 19:00

Medizin in Bild und Film:
anlässlich 175 Jahre
Gesellschaft der Ärzte in Wien.

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