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Das aktuelle Interview zum (Geburts)Tag von em.Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Firbas, Gesellschaft der Ärzte

>>SAVE THE DATE<< FESTVERANSTALTUNG zum 80. Geburtstag von
em.Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Firbas am 30. Jänner 2019, 17:00 Uhr im Billrothhaus


INTERVIEW: Am Anfang war die Vogelkunde: Wilhelm Firbas‘ Karriere als Anatom



© privat

Wie sind Sie zum Medizinstudium gekommen?

Ich stamme väterlicherseits aus einer steirischen Familie, die in drei Generationen Ärzte hervorgebracht hat. Umso mehr freut es mich, dass diese Tradition durch meine Töchter Christa und Ulrike fortgesetzt wurde und auch meine Enkelin Sophia Medizin studiert. Mein Großvater Jakob war Polizeichefarzt in Graz, mein Vater Wilhelm leitete vor seinem frühen Tod das Gesundheitsamt in Perg, Oberösterreich. Im Gymnasium, das ich in Steyr besuchte, wurde mir klar, dass für mich nur ein Studium in einer biologischen Disziplin und nicht in einem technisch-wirtschaftlichen Bereich in Frage kommen würde. Obwohl ich erst neun Jahre alt war als mein Vater starb, hatte ich doch durch ihn vieles über den Arztberuf mitbekommen und die Verbindung von naturwissenschaftlichen Grundlagen und sozialem Engagement kennengelernt. Außerdem war ich seit meinem zwölften Lebensjahr in der Natur als Vogelbeobachter unterwegs und führte seit 1952 ein Tagebuch über meine Beobachtungen. So begann ich 1957 das Medizinstudium an der Universität Wien.

Wer hat Sie am Beginn des Studiums geprägt?
Einige Professoren der Vorklinik haben mit ihren Vorlesungen mein Interesse für die theoretische Medizin gefördert. Ich versäumte natürlich keine Biologievorlesung bei Felix Mainx, einem namhaften Genetiker seiner Generation. Das Fach Biologie wurde zwar nicht geprüft und die Teilnahme an einem Praktikum war nicht verpflichtend. Trotzdem besuchte ich das kleine Institut im Parterre des Histologie-Instituts und wurde dort in die Drosophila-Genetik eingeführt. Der düstere Professor Franz Seelich imponierte mir durch seine exakte Darstellung der medizinischen Chemie und ich bestand das Chemierigorosum auf Anhieb. Ergänzend besuchte ich die Biochemie-Vorlesung von Hans Tuppy, der damals noch Professor am Chemischen Institut der Universität Wien war. In seiner Vorlesung spürte man die weite Welt der internationalen Forschung, war er doch längere Zeit Mitarbeiter am Institut des zweifachen Nobelpreisträgers Frederik Sanger in Cambridge. Die Vorlesungen in Anatomie von Heinrich Hayek (sie fanden an sechs Wochentagen, also auch samstagvormittags, statt) brachten mir ebenso wie Alfred Pischinger in der Histologie die morphologischen Grundlagen bei. Schon vor Studienbeginn hatte die Lektüre eines Taschenbuchs über die mikroskopische Anatomie des Menschen von Wolfgang Bargmann ein starkes Interesse am morphologischen Fachbereich begründet. Später konnte ich Wolfgang Bargmann als einen unnachsichtigen Vorsitzenden bei den Tagungen der Deutschen Anatomen Gesellschaft kennenlernen. Die pointierten Vorträge des Physiologen Gustav Schubert vermittelten einen umfassenden Überblick über dieses funktionelle Fach. Dieser Überblick ging später in der Detailverliebtheit dieser Disziplin eher verloren. Daneben gab Wilhelm Auerswald in seinen Vorlesungen wichtige Hinweise auf die klinische Anwendbarkeit dieses Fachs und Hans Bornschein präsentierte eine tiefschürfende Darstellung der Neurophysiologie.

Wie war der Umzug von der Steiermark nach Wien für den Studenten Firbas?
Das studentische Leben in Wien war für mich als zugereisten Provinzler sehr stark durch die kollegialen Kontakte in meinem Studentenheim in der Pfeilgasse geprägt. Es entstanden dort etliche Freundschaften mit Studienkollegen, die über die gegenseitige Unterstützung beim Lernen in persönliche Bereiche hinausgingen. Ich erinnere mich an die leider schon verstorbenen Freunde, den Pharmakologen Josef Suko und den praktischen Arzt Dieter Henning. Eine weitere Bereicherung meiner ersten Studienjahre waren die regelmäßigen Besuche in zoologischen Abteilungen des Naturhistorischen Museums Wien. Ich fand in der Person von Kurt Bauer, dem Leiter der Säugetierabteilung, einen Mentor, der mich in die Richtung Wissenschaft wies.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit dem Klinikalltag?
Im zweiten und dritten Studienabschnitt gab es Gelegenheit, durch Famulaturen einen Einblick in den klinischen Alltag zu gewinnen. Meine erste Famulatur absolvierte ich in der Chirurgischen Abteilung des Landeskrankenhauses Steyr. Im Leiter dieser Abteilung, Wilhelm Mandl, lernte ich einen hervorragenden Vertreter dieses Faches kennen. Diese Chirurgengeneration waren noch nicht hyperspezialisiert, sondern fand sich in einem weiten Operationsspektrum zu Recht. Zusammen mit den ersten Fachärzten für Anästhesie (in Steyr Günther Hoflehner) leisteten sie hervorragende Arbeit. Primarius Mandl zog mich zur Mitarbeit an einer klinischen Studie heran, wodurch ich die Auswertung von Krankengeschichten kennenlernte.

Wann und wie sind Sie zum ersten Mal mit der Gesellschaft der Ärzte in Kontakt gekommen?
Nach meiner Promotion im Jahr 1964 und mit der Aufnahme meiner Tätigkeit am Anatomischen Institut dachte ich, wie viele meiner Kollegen, daran, dieser renommierten Gesellschaft beizutreten. Man brauchte dazu, wenn ich mich recht erinnere, zwei Bürgen und danach wurde man in die Gesellschaft aufgenommen (am 30. März 1973). Es war mir klar, dass neben der universitären Szene eine Plattform wie die Wiener Ärztegesellschaft ein wichtiges Forum der Wiener Medizin bildete. Die wissenschaftlichen Vorträge der heimischen Ärzte sowie das Auftreten zahlreicher international bekannter Forscher ergab ein Gemenge für eine außerordentlich wirksame Fortbildung, ganz ohne bürokratische Punktesammlung. Die Möglichkeit, in der Bibliothek Zeitschriften benützen zu können, um aktuelle Forschungsergebnisse kennenzulernen und in älteren Jahrgängen wichtige Quellen für eigene Fragen zu gewinnen, war eine große Hilfe für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Vom Vorsitzenden der Jury (meinem früheren Schüler Helmut Sinzinger) für die beste Doktorarbeit (Wilhelm-Auerswald-Preis) und beste Habilitation (Otto-Kraupp-Preis) wurde ich eingeladen, von Beginn an bis heute als Juror mitzuarbeiten; eine Möglichkeit, der ich sehr gerne nachkomme.

Wie sind Sie zur Anatomie gekommen?
Über den ideologischen Background zur Auswahl dieses Faches wurde schon gesprochen. Der unmittelbare Anlass, mich am Anatomischen Institut zu engagieren, kam mit dem Anatomierigorosum bei Professor Hayek. Er lud mich ein, als Demonstrator am Institut tätig zu werden und verwies mich an seinen Assistenten Werner Platzer. Dieser wurde zu meinem anatomischen Guru. Er verstand, mein Interesse an der Biologie zu nutzen und führte mich an die vergleichende Anatomie heran. Sein Kontakt zur Frankfurter Anatomenschule (mit Dietrich Stark und Helmut Hofer) hatte ihn zu Studien an Säugetieren gebracht, Herz, was begehrst du mehr: Ich konnte innerhalb des Medizinstudiums über vergleichende Anatomie forschen. Es kamen bald die ersten einschlägigen Publikationen mit Platzer zustande. Nach der Promotion nahm ich eine Assistentenstelle am Anatomischen Institut an und sollte diese Institution bis zur Emeritierung nicht mehr verlassen.

Die Anatomie erfuhr zu Ihrer Studienzeit einen wahren Zustrom an Studenten …
Damals konnte man vom goldenen Zeitalter der Anatomie im Medizinstudium sprechen. Das Fach hatte eine schier unbegrenzte Zahl von Unterrichtsstunden zur Verfügung: zwei Sezierkurse, ein Hirnkurs und ein Sezierkurs für Fortgeschrittene vor dem Rigorosum sowie die Hauptvorlesungen. Durch die große Zahl engagierter Demonstratoren konnte eine immer größer werdende Zahl von Studierenden bewältigt. Exzellente Lehrer und Forscher waren zu dieser Zeit am Institut tätig. An der Spitze Heinrich Hayek, dessen Monographie über die menschliche Lunge gerade Weltruhm erlangte, Wolfgang Zenker, später Ordinarius in Bochum und Zürich, Werner Platzer, von 1966 bis 1997 Professor in Innsbruck, Autor von in zahlreiche Sprachen übersetzten, hervorragenden Lehrbüchern, Walter Krause, ein begnadeter, leidenschaftlicher Lehrer und Alfred Gisel, unübertroffen seine Zeichnungen an der Tafel, durch die schwierige, anatomische Sachverhalte aufgeklärt wurden. Seit 1973 leiteten die Professoren Krause und Gisel die 3. Anatomische Lehrkanzel.

Wie erlebten Sie den Wechsel Werner Platzers nach Tirol?
Als Werner Platzer nach Innsbruck berufen wurde, verlor ich meinen Mentor und stand vor einer schwerwiegenden Entscheidung: Sollte ich ihn nach Innsbruck begleiten oder in Wien bleiben? Er hat mir meinen Entschluss, in Wien zu bleiben, verziehen und wir waren bis zu seinem Tod 2017 enge Freunde. 1969 starb Heinrich Hayek und nach einem Interregnum von Walter Krause folgte der Heidelberger Anatom Helmut Ferner 1972 dem Ruf auf die 1. Anatomische Lehrkanzel in Wien. 1977 wurde Wolfgang Zenker Professor für Anatomie in Zürich. Nach ihm folgte mein, leider schon verstorbener, Studienkollege Robert Mayr, ein Schüler Zenkers, als Leiter der 2. Anatomischen Lehrkanzel. Mit ihm habe ich die folgenden Jahre in guter, kollegialer Zusammenarbeit verbracht. In der Supplierungszeit Krauses konnte ich mich mit seiner tatkräftigen Unterstützung 1973 habilitieren. Verschiedene Pläne für eine akademische Tätigkeit im Ausland wurden nicht weiterverfolgt. Schließlich wurde ich 1982 als Nachfolger von Professor Ferner als Ordentlicher Professor an die 1. Anatomische Lehrkanzel des Instituts für Anatomie berufen.

Was ist Ihnen aus Ihrer Tätigkeit als Professor in Wien besonders in Erinnerung?
In den Jahren von 1982 bis 2007 leitete ich zusammen mit Helmut Gruber, auch ein Schüler Zenkers, das Institut für Anatomie mit seinen beiden verbliebenen Lehrkanzeln. Unsere Tätigkeit war durch eine harmonische Zusammenarbeit gekennzeichnet. Die verschiedenen Bereiche meiner Tätigkeit bezogen sich auf Unterricht, Forschung und Weiterbildung. Als Institutsvorstand von 1982 bis 2002 hatte man mit Administration, universitärer Selbstverwaltung (Institutskonferenzen) und Budgeterstellung zu tun. Erfreulicher war die Ausrichtung einiger Tagungen und Kongresse. Als sehr anregend erwies sich die Reformarbeit an einem neuen Curriculum für Medizin. In meiner Rolle als Mitgied und dann als Vorsitzender der Studienkommission an der Medizinischen Fakultät sowie als Vorsitzender der Gesamtösterreichischen Studienkommission Medizin kam ich zur Mitarbeit an einem neuen Studienplan Medizin, der den, in Grundzügen über 100 Jahre alten, Lehrplan für das Medizinstudium ersetzen sollte. Verbunden damit war die schmerzhafte Kürzung der Unterrichtsstunden für Anatomie, was in Hinblick auf die nötigen Neuerungen in Kauf genommen werden musste. Richard März hat jüngst eine Publikation über diesen Prozess verfasst.

Mit welchen Gebieten befasste sich die Forschung an Ihrer Abteilung?
Die Forschungstätigkeit wurde durch einige effiziente Arbeitsgruppen betrieben, die neben meinem eigenen Interessensgebiet, dem Innenohr, an Fragen wie Klinische Anatomie (Manfred Tschabitscher), Entwicklungsbiologie (Gerd Müller), Plastination (Constantin Sora) Biomechanik (Franz Fuss), Biomedizin und translationale Forschung (Amir Aharinejad) arbeiteten. Immerhin wurden einige Mitarbeiter auf verschiedene Lehrkanzeln berufen: Gerd Müller (Theoretische Biologie an der Universität Wien), Franz Fuss (Health and Sports Technology, Swinborne University, Melbourne, Australien), Constantin Sora (Anatomie an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien) Johannes Streicher (Anatomie an der Karl Landsteiner Universität Krems), Wolfgang Weninger (Anatomie an der Medizinischen Universität Wien) und Helmut Sinzinger (Lipidstoffwechsel an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien).

Natürlich unterrichteten Sie auch an der Fakultät …
Der Unterricht für Studierende der Medizin umfasste eine umfangreiche Vorlesungstätigkeit, zahlreiche mündliche Prüfungen im Teilgebiet Anatomie und die Organisation einer schriftlichen Prüfung („Knochenkolloquium“) welche nur durch die herausragende, didaktische Expertise von Martin Lischka entwickelt werden konnte. Das gemeinsame Interesse an der Neuroanatomie veranlassten Robert Mayr, Helmut Gruber und mich zur Abfassung eines einschlägigen Lehrbuchs. In der Fortbildung für Ärzte gelang es durch die Einrichtung von Workshops die Rolle der Anatomie in Wien zu etablieren. In Österreich waren die Vorreiter in der Organisation von Operationskursen an der Leiche Werner Platzer in Innsbruck und Friedrich Anderhuber in Graz. Die Veranstaltungen der American Association of Clinical Anatomists gaben mir wichtige Informationen in dieser Richtung. Mein ehemaliger Mitarbeiter Hannes Traxler ist heute in dieser Sparte international vernetzt. Der Höhepunkt war nach meinem Abgang die Einrichtung eines Studienzentrums für Wörkshops am Anatomischen Institut durch Helmut Gruber.

Es heißt, die Natur spielt in Ihrem Leben eine große Rolle?
Wie erwähnt begann meine Beschäftigung mit der Natur schon in den Jugendjahren. Als leidenschaftlicher Vogelbeobachter (heute würde man sagen Birdwatcher) und Citizen Scientist in der Ornithologie war es mir möglich, viele Landschaften in Österreich und in der ganzen Welt (außer Antarktis) und ihre Vogelarten, meistens mit meiner Frau, kennen zu lernen. Neben der intellektuellen Freude an einer solchen Tätigkeit ist der Aufenthalt in der freien Natur ein hervorragender Erholungsfaktor. Nach meiner Emeritierung 2007 konnte ich mich wieder in der Österreichischen Gesellschaft für Vogelkunde (Birdlife Österreich), gleichzeitig die größte Vogelschutzgesellschaft, engagieren, 2011 wurde ich Vizepräsident und 2015 Präsident, 2018 wurde ich für drei weitere Jahre in diese Funktion gewählt.

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